Sie haben ein Haus gekauft, im Verteiler sitzen Reihen von KNX-Geräten, und außer ein paar Tastern mit unklarer Belegung ist nichts geblieben: keine Projektdatei, keine Dokumentation, der damalige Elektriker macht kein KNX mehr. Das ist einer unserer häufigsten Aufträge. Dieser Artikel zeigt, was Sie selbst prüfen können, in welchen Fällen sich die Anlage auslesen lässt, wann neu programmiert werden muss und wie eine Übernahme bei uns abläuft.

Elektriker öffnet den Verteiler einer bestehenden KNX-Anlage, daneben Laptop mit ETS
Hausunterlagen, USB-Stick und Schlüssel nach dem Kauf

Was Sie vor dem ersten Anruf selbst klären können

Je mehr Sie vorab wissen, desto genauer wird die Einschätzung. Drei Dinge helfen enorm:

  • Unterlagen suchen: Gesucht ist die ETS-Projektdatei, erkennbar an der Endung .knxproj (ältere Projekte: .pr5 oder .pr4). Oft liegt sie auf einem USB-Stick im Verteiler, in einem Ordner „Elektro“ oder beim damaligen Planer. Dazu Stromlaufpläne, eine Funktionsbeschreibung oder ein Übergabeprotokoll. Fragen Sie den Verkäufer ausdrücklich danach, viele wissen nicht, dass diese Datei den Wert der Anlage ausmacht.
  • Verteiler fotografieren: Ein scharfes Foto jeder Reihe genügt. Daraus lesen wir Hersteller, Gerätetypen und ungefähre Anzahl ab und sehen, ob eine IP-Schnittstelle oder ein IP-Router verbaut ist.
  • Was funktioniert, was nicht: Eine kurze Liste reicht: Taster, die nichts tun, Jalousien, die falsch fahren, Räume ohne Heizungsregelung, eine Visualisierung, zu der niemand das Passwort hat.

Praxistipp: Die Projektdatei und das ETS-Projektpasswort gehören zum Haus wie der Haustürschlüssel. Lassen Sie sich beide beim Kauf übergeben, idealerweise bevor Sie unterschreiben. Ohne Datei ist eine Übernahme möglich, aber aufwendiger.

KNX-Verteiler einer bestehenden Anlage

Die drei Ausgangslagen

Wie viel Arbeit eine Übernahme macht, hängt fast nur davon ab, was von der ursprünglichen Programmierung noch zugänglich ist.

AusgangslageWas möglich istAufwand
Projektdatei vorhanden, Passwort bekanntProjekt in die ETS importieren, mit der Anlage abgleichen, Änderungen direkt einarbeitengering
Keine Projektdatei, Geräte nicht gesperrtAnlage am Bus scannen, Gruppenadressen und Geräte auslesen, Projekt rekonstruieren und dokumentierenmittel
Geräte mit Sperrschlüssel oder KNX Secure ohne SchlüsselBetroffene Geräte lassen sich nicht auslesen. Neuere Geräte können meist zurückgesetzt und neu parametriert werden, ältere teilweise gar nicht mehr, dann wird getauschthoch, je nach Anzahl

Fall 1: Die Projektdatei ist da

Der beste Fall. Wir öffnen das Projekt in der ETS, prüfen, ob der Stand mit der Anlage übereinstimmt, und übernehmen es als Grundlage. Weicht die Programmierung ab, weil später jemand ohne Datei weitergearbeitet hat, gleichen wir Gerät für Gerät ab. Danach gehört das Projekt Ihnen, mit Sicherung bei Ihnen und bei uns.

Fall 2: Keine Datei, aber offene Geräte

Die meisten Anlagen aus den Jahren 2005 bis 2020 fallen hierher. Über eine Schnittstelle scannen wir den Bus und finden jedes Gerät mit seiner physikalischen Adresse. Aus den Geräten lassen sich die verknüpften Gruppenadressen auslesen, aus dem Telegrammverkehr am Busmonitor ergibt sich, welcher Taster was auslöst. Die Parameter, etwa Dimmzeiten, Laufzeiten der Jalousien oder Heizungsregler-Einstellungen, lesen wir aus, soweit die Geräteapplikation das zulässt, und ergänzen den Rest aus der Funktionsprüfung vor Ort.

Das Ergebnis ist ein neues ETS-Projekt, das die Anlage so abbildet, wie sie heute läuft. Es ist nicht zwingend eine Kopie der Originaldatei, aber vollständig und dokumentiert. Ab diesem Punkt können Sie Funktionen ändern, erweitern oder eine Visualisierung aufsetzen.

Fall 3: Gesperrte Geräte

Manche Elektriker haben früher einen BCU-Schlüssel gesetzt, damit niemand ohne sie ans Projekt kommt. Neuere Anlagen mit KNX Secure brauchen die gerätespezifischen Schlüssel, die auf dem Gerät aufgedruckt sind oder im Projekt hinterlegt waren. Fehlt beides, lässt sich das Gerät weder auslesen noch neu beschreiben. Bei neueren Geräten hilft meist ein Werksreset über die Programmiertaste, danach wird das Gerät neu parametriert. Ältere gesperrte Geräte lassen sich teilweise gar nicht mehr entsperren, dann bleibt nur der Tausch gegen ein neues Gerät. Wir prüfen vorab, welche Geräte betroffen sind, damit es keine Überraschung gibt.

Häufiger Fehler: Ein Elektriker ohne KNX-Erfahrung tauscht einen „defekten“ Aktor gegen ein neues Gerät, ohne das Projekt zu haben. Das neue Gerät kennt keine Gruppenadressen, die angeschlossenen Lichter sind tot, und die Rekonstruktion wird schwieriger, weil ein Gerät mit seinen Daten fehlt. Vor jedem Tausch zuerst auslesen.

Auslesen eines KNX-Geräts aus einer bestehenden Anlage

So läuft die Übernahme bei uns

  • Bestandsaufnahme: Ein Termin vor Ort. Wir sichten Verteiler, Taster, Sensoren und eine eventuelle Visualisierung und prüfen Busspannung, Schnittstelle und Fehlertelegramme.
  • Auslesen oder Rekonstruieren: Je nach Ausgangslage, wie oben beschrieben. Bei größeren Anlagen passiert ein Teil davon bei uns im Büro, dafür brauchen wir nur einen Fernzugang.
  • Dokumentation: Sie erhalten die ETS-Projektdatei, eine Liste aller Gruppenadressen und eine Funktionsmatrix: welcher Taster welche Funktion in welchem Raum auslöst. Wie eine saubere Struktur aussieht, zeigt der Artikel zu den KNX-Gruppenadressen.
  • Anpassen: Erst jetzt kommen Ihre Wünsche dran: andere Tasterbelegung, Szenen, Zeitprogramme, Heizung raumweise, eine Visualisierung am Tablet.
  • Absichern: Backup des Projekts bei Ihnen und bei uns, auf Wunsch ein KNX-IP-Router für die Fernwartung, damit kleine Änderungen später ohne Anfahrt gehen.
Dauerhaft betreut

KNX Wartung und Fernwartung

Nach der Übernahme bleibt die Anlage in guten Händen: jährlicher Anlagen-Check, Fernwartung per VPN, Projekt-Backup bei uns hinterlegt.

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Alter KNX-Verteiler ohne Beschriftung

Was häufig schiefgeht

  • Alles neu, ohne Analyse: Manche Betriebe bieten pauschal die Neuprogrammierung an. Bei offenen Geräten ist das meist unnötig teuer, weil sich die bestehende Logik auslesen lässt.
  • Visualisierung ohne Zugang: Ein alter Homeserver oder ein Visualisierungsserver läuft weiter, aber niemand hat das Passwort. Wir prüfen, ob sich der Zugang zurücksetzen lässt, oder ersetzen die Oberfläche, zum Beispiel durch unser ETG Cockpit.
  • Kein Backup: Nach der Übernahme liegt die Datei auf einem Laptop und nirgends sonst. Ein Festplattendefekt, und Sie stehen wieder am Anfang.
  • Falsche Erwartung an die Fernwartung: Ohne IP-Schnittstelle im Netzwerk geht nichts aus der Ferne. Fehlt sie, rüsten wir sie beim ersten Termin nach.

Fazit

Eine fremde KNX-Anlage ist kein Grund zur Sorge, sondern eine Bestandsaufnahme. Mit Projektdatei ist die Übernahme eine kleine Sache, ohne Datei eine Rekonstruktion, die sich bei den allermeisten Anlagen lohnt, weil die verbaute Technik weiterverwendet wird. Nur gesperrte Geräte müssen neu parametriert oder, wenn sie sich nicht mehr entsperren lassen, getauscht werden. Wichtig ist, dass am Ende Projekt, Dokumentation und Backup bei Ihnen liegen, damit sich die Situation nicht wiederholt.

Wenn Sie uns Fotos vom Verteiler und die Liste der Probleme schicken, bekommen Sie eine ehrliche Einschätzung, welcher der drei Fälle vorliegt. Wir betreuen Anlagen in ganz Oberösterreich vor Ort, die Fernwartung geht österreichweit.

JG

Jürgen Grüblinger führt die ElektroTechnik Grüblinger GmbH in Wels und ist zertifizierter KNX-Partner. Er plant und programmiert KNX-Anlagen und hilft Bauherren und Elektrobetrieben, die bei ihrem Projekt Unterstützung brauchen.

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